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Verkehrspolitik in Bremen

Das haben wir hier schon immer so gemacht.

Das „aufgesetzte Parken“ ist ein Thema, das in Bremen seit langem diskutiert wird. Der Begriff „aufgesetztes Parken“ bedeutet, dass Fahrzeuge – anders als die StVO es vorschreibt – nicht ausschließlich auf der Fahrbahn oder auf gesondert markierten Parkplätzen abgestellt werden, sondern so, dass ein Teil des Fahrzeugs auf dem an die Fahrbahn angrenzenden Gehweg steht – eben „aufgesetzt“.

Da kommt man doch noch vorbei… (außer mit Rollstuhl, Kinderwagen oder Rollator)

In vielen Straßen Bremens ist diese Art des Parkens üblich und seit Jahren die Praxis. In den vergangenen Jahren nimmt jedoch der Unmut derer, die den Gehweg zum Gehen nutzen wollen, zu. Viel wurde schon zu diesem Thema geschrieben, z.B. sehr ausführlich in diesem Artikel beim Blog BREMENIZE. Auch die Bürgerinitiative Platz da! hat sich dem Thema gewidmet und es nach langem Ringen geschafft, einen Beschluss der Bremischen Bürgerschaft zu erwirken, der eine breite Mehrheit im Parlament fand – hier der Artikel des WESER-KURIER.

Im Fokus dieses Artikels soll die Argumentation stehen, die von einigen Verfechtern des „aufgesetzten Parkens“ immer wieder vorgebracht wird, so z.B. in einem Bürgerantrag, der im Beirat Schwachhausen im Januar 2021 vorgestellt wird. Dort heißt es, in den betreffenden Straßen werde „seit über 50 Jahren aufgesetzt geparkt“ – oder anders: „Das haben wir hier schon immer so gemacht“.
Nun ist dieser Satz zwar ein häufig vorgebrachtes, jedoch nicht unbedingt ein gutes Argument. Warum? Na, schauen wir mal:

Die Autos werden immer mehr.

Gab es 2010 noch 41,7 Millionen zugelassene PKW in Deutschland, waren es 2020 schon 47,7 Millionen. Ein Anstieg von über 14 % in nur zehn Jahren. Vergleicht man den aktuellen PKW-Bestand mit dem für die oben angegebene Argumentation relevanten Zeitraum („seit über 50 Jahren“), so ist der Unterschied noch wesentlich größer. Vor rund 50 Jahren, im Jahr 1970, lag die Zahl der zugelassenen PKW in Deutschland bei nur 13,9 Millionen. Das bedeutet vereinfacht: Wo vor 50 Jahren drei PKW standen, sind es heute mehr als zehn.
(Quelle: Statista)

Die Autos werden immer breiter.

Nicht nur steigt der Platzbedarf mit der Anzahl der Fahrzeuge, auch die Größe der Fahrzeuge spielt eine Rolle. Seit Jahrzehnten werden die Vertreter fast aller Fahrzeugklassen immer größer. Dies führt nicht nur zu solch illustren Schwierigkeiten, wie dass die damals neue S-Klasse im Jahr 1991 zunächst nicht auf den Autozug nach Sylt passte (DER SPIEGEL), sondern auch zum vergleichsweise ordinären Problemen wie einem höheren Platzbedarf beim Parken. In einer Untersuchung auf Basis der österreichischen Neuzulassungen von PKW von 1970 bis 2012 wurde festgestellt, dass die durchschnittliche Breite der neu zugelassenen PKW in diesem Zeitraum um über 17,5 Zentimeter zugenommen hat – ein Ergebnis, das sich auch auf Deutschland übertragen lässt. Auch das Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen kommt zu dem Schluss, dass die in Deutschland zugelassenen PKW immer breiter werden (Welt.de).

3 cm Gehweg für 1 cm Fahrzeugbreite.

Nun mögen die durchschnittlich 17,5 Zentimeter zusätzlicher Breite nicht nach einer so wesentlichen Veränderung klingen, allerdings darf man dabei nicht außer Acht lassen, dass sich diese Verbreiterung multipliziert. So benötigen in einer typischen Bremer Wohnstraße, auf der beidseitig aufgesetzt geparkt wird – ja die Fahrzeuge auf beiden Straßenseiten den zusätzlichen Platz. Und da auch das Fahrzeug, das auf der Fahrbahn zwischen den parkenden Autos hindurchfahren soll, „in die Breite gegangen“ ist, also mehr freie Fahrbahnbreite benötigt, rücken die aufgesetzt geparkten Fahrzeuge noch jeweils nach außen – also weiter auf den Gehweg.
Aus den zunächst wenig erscheinenden 17,5 Zentimetern werden also mehr als 52 Zentimeter, die im Vergleich mit dem Jahr 1970 zusätzlich von der Gehwegbreite verlorengehen.

Restbreite des Gehwegs: ca. 75 cm. Und davon geht noch der Fahrzeugspiegel ab.

Wenn es also heißt, dass hier „seit über 50 Jahren aufgesetzt geparkt“ wird – oder anders: „Das haben wir hier schon immer so gemacht“ – dann mag das zwar zutreffen, ein gutes Argument für die Beibehaltung ist es jedoch nicht, denn die Anzahl und Breite der Fahrzeuge und damit die Rahmenbedingungen für die Beurteilung des aufgesetzen Parkens haben sich seitdem deutlich verändert.

Was sich übrigens nicht wesentlich geändert hat, ist die Breite der Gehwege.

Für die politischen Akteure ergibt sich die Frage, wie lange sie sich dem vermeintlichen Naturgesetz „Parkdruck“ noch beugen und das illegale Abstellen von Fahrzeugen zulasten aller anderen Nutzer des Gehwegs tolerieren oder sogar befördern wollen. Insbesondere die etablierten Volksparteien, deren Stammwählerschaft einen stetig wachsenden Altersdurchschnitt vorweist, werden auf lange Sicht nicht außer Acht lassen können, dass angemessen nutzbare Gehwege für ihre Wähler von nicht unwesentlicher Bedeutung sind.



Weitere interessante Einblicke – auch in die sich ändernde öffentliche Wahrnehmung des Themas – bietet die folgende Ausarbeitung von der TU Berlin: Discussion Paper der Technischen Universität Berlin

Eine Antwort auf „Das haben wir hier schon immer so gemacht.“

Danke für den Link zu meinem Bremenize-Post!
Die Situation hier bei uns in der Bremer Neustadt wird immer schlimmer. Rettungswege, Rollstuhlrampen, Gehwege überall und fast jede Kreuzung zugeparkt. Sozial sieht anders aus…

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